Was macht einen Kleingartenverein zu mehr als einer Ansammlung von Parzellen? Zum 100-jährigen Jubiläum des Kleingartenvereins „Unverzagt-Fliederweg e. V.“ erzählt der Potsdamer Gärtnerbote die Geschichte von Frank „Friedel“ Friedrichs und den Menschen, die hier Gemeinschaft leben. Ein Porträt über Zusammenhalt, ehrenamtliches Engagement und die besondere Kraft von Orten, an denen Nachbarschaft noch ganz selbstverständlich entsteht.
Wenn jemand nach Herrn Friedrichs fragt, zögern die Gartenfreunde im Fliederweg. Herr Friedrichs? Gibts hier nicht. Oder doch, warten Sie mal. Meinen Sie den Friedel? Ja, den müssen Sie meinen. Der ist bestimmt hinten im Vereinshaus oder in seiner Parzelle oder an einem Gartenzaun, um etwas zu besprechen. Herr Friedrichs lacht und sieht dabei beinahe etwas ungläubig aus. Seit seiner Kindheit ist er hier im Fliederweg unterwegs. Ein Lebensort. Aber kaum jemand würde hier seinen vollständigen Namen kennen.
Ich muss nicht nach Herrn Friedrichs fragen, denn er hatte mir vorab seine Mobilnummer geschickt, falls ich die Nr. 17a nicht finden sollte. Und tatsächlich: Nachdem ich eine Weile suchend an den Hecken der Parzellen entlanggelaufen war, gab ich auf. Frank Friedrichs, seit elf Jahren im Vorstand, seit fünf Jahren Vorsitzender des „Unverzagt-Fliederweg e. V.“, steht an einer der Parzellen und spricht mit einem Nachbarn.
Herr Friedrichs hat einen kräftigen Händedruck. Obwohl die Sonne nicht scheint, trägt er eine Schirmmütze. „Friseurtermin steht heute an“, erklärt er grinsend. Ordnung muss sein, nicht nur im Garten. Obwohl der Schirm der Mütze seine Augen etwas beschattet, erkenne ich darin sofort etwas, von dem ich denke, dass man es in dieser Position unbedingt braucht: Offenheit, Humor und Güte.
Mehr als ein Jubiläum
Der „Unverzagt-Fliederweg e. V.“ feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Jubiläum. Am 29. August ist es so weit. Auf der Festwiese gegenüber des Vereinslokals „Onkel Oskar“ wird es ein buntes Programm geben. Aber die Angebote werden tief ins Innere der Gartenanlage führen, die an diesem Tag überall mit bunten Wimpeln geschmückt sein soll. Herr Friedrichs und seine Gartenfreunde haben ein Orga-Team auf die Beine gestellt. Viele beteiligen sich. Schließlich geht es dabei um etwas, was diese Menschen hier verbindet, was sie pflegen und erzeugen: um Gemeinschaft.
Gefeiert werden soll also weit mehr als der 100. Geburtstag einer Gartenanlage. Das wird mir im Gespräch mit „ Friedel“ schnell klar. Er ist zwar der Vorsitzende, berichtet auch mit Stolz etwa von der „Digitalisierung“ des Vereins, die er maßgeblich vorangetrieben hat, doch man findet keine Spur von Überheblichkeit oder Geltungsdrang bei ihm, im Gegenteil: Herr Friedrichs ist von einer regelrecht entwaffnenden Bescheidenheit, die man selten findet.
Perspektivwechsel und Denkanstöße
Dabei dient er der Gemeinschaft der Gartenfreunde nicht nur mit organisatorischer Arbeit, sondern vor allem als unermüdlicher Kommunikator, als Hüter des Gemeinsinns. Und das ist wichtig, vielleicht die wichtigste Aufgabe. Über 100 Parzellen gehören zum Verein, da bleiben Konflikte nicht aus. Viele junge Familien seien in den letzten Jahren dazu- gekommen, die Nachfrage ist groß. Natur- gemäß gibt es immer mal wieder Differenzen zwischen den „Neuen“ und den Alteingesessenen. Nicht selten muss „ Friedel“ das Gespräch mit beiden Seiten suchen, vermitteln.
„Die Jungen nehmen ja auch keinen Rat an!“, so laute dann etwa die Klage einer älteren Gartenfreundin. Herr Friedrichs schüttelt den Kopf. Aber es ist keine Aggression dabei, eher eine sanfte Ratlosigkeit. Ja, Kinder, was ist daran eigentlich so schwer? Er unterstützt in solchen Fällen beim Perspektivwechsel. „Hast du mal gefragt, ob sie deinen Rat überhaupt haben wollen?“ Die Gartenfreundin wirkt irritiert. Er gibt einen weiteren Denkanstoß: „Vielleicht wollen sie sich das selbst erarbeiten?“
Mich beeindruckt, wie klar und pragmatisch Herr Friedrich an derartige Problemlagen herangeht. Ja, Kinder, was ist daran eigentlich so schwer? Sich mal in die Lage des Gegenübers hineinzuversetzen? Warum schaffen es so viele Menschen nicht, mal von der eigenen Sichtweise abzurücken, das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen? Es brauche dringend mehr Gelassenheit. Ich denke an hitzige Debatten, an Shitstorms, Wutbürger und an die gesellschaftliche Polarisierung. Ja, mehr Gelassenheit bräuchten wir dringend. Denn wo sie fehlt, ist der Gemeinsinn bedroht.
Soziale Rituale gegen Vereinzelung
Der Verein tut viel dafür, dass sich die Menschen besser verstehen. Dass sie miteinander ins Gespräch kommen. Dass Nähe entstehen kann. Ein Gefühl von Zugehörigkeit. Dafür werden Angebote geschaffen. Soziale Rituale gegen Vereinzelung und Einsamkeit. Zum Beispiel der alljährliche Winterspaziergang. Danach gemeinsam an der Feuerschale, Bratwurst im Brötchen, Glühwein oder Bierchen. „Einfach mal ein, zwei Stunden zusammensitzen, ein bisschen quatschen.“ Herr Friedrichs sagt das so, als wäre es eigentlich banal. Und das ist es ja auch. Und dann wieder ganz und gar nicht.
Das Thema hat auch eine große politische Relevanz. In zwei Bundesländern gibt es mittlerweile Ministerien für gesellschaftlichen Zusammenhalt: in Sachsen und Brandenburg. Die Kleingärten, das hat mir mein Besuch nochmal verdeutlicht, sind wichtige Orte für unsere Gesellschaft. Nicht nur ökologisch, sondern ganz besonders als Orte der Begegnung. Sie sind eben nicht nur Freizeitstätten. Und auch hier, im Fliederweg, geht es um weit mehr als um den runden Geburtstag einer Potsdamer Gartensparte.
Ich laufe zurück, vorbei am „Onkel Oskar“, an den Fliederbüschen, am Spielplatz, den die Gartenfreunde hier für die Kinder, auch die in der Nachbarschaft, gebaut haben. Vielleicht, denke ich, können die Kleingärten tatsächlich so etwas wie ein Vorbild sein. Nicht hinter dicken Mauern verbarrikadieren. Hecken reichen auch. Am besten nicht so dicht gewachsen, so dass noch genug Lücken bleiben, um hindurchzusehen. Zu hoch sollten sie auch nicht sein, damit man sich gut darüber hinweg unterhalten – oder sich die Hand reichen kann, wenn es doch mal Streit gab und die Unstimmigkeiten wieder aus der Welt geräumt sind.

